Ingrid Puschinski - www.puschinski.net

Ein Blinder und ein Reicher

16 ¶ Und siehe, einer trat zu ihm und sprach: Guter Meister, was soll ich Gutes tun, daß ich das ewige Leben möge haben? 17 Er aber sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige GOtt. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote. 18 Da sprach er zu ihm: Welche? JEsus aber sprach: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; 19 ehre Vater und Mutter, und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 20 Da sprach der Jüngling zu ihm: Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf; was fehlet mir noch? 21 JEsus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach. 22 Da der Jüngling das Wort hörete, ging er betrübt von ihm; denn er hatte viel Güter. 23 ¶ JEsus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch, ein Reicher wird schwerlich ins Himmelreich kommen. 24 Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich GOttes komme. 25 Da das seine Jünger höreten, entsetzten sie sich sehr und sprachen: Je, wer kann denn selig werden? 26 JEsus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber bei GOtt sind alle Dinge möglich.

Matthäus 19, 16-26

1 ¶ Und JEsus ging vorüber und sah einen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündiget, dieser oder seine Eltern, daß er ist blind geboren? 3 JEsus antwortete: Es hat weder dieser gesündiget noch seine Eltern, sondern daß die Werke GOttes offenbar würden an ihm. 4 Ich muß Wirken die Werke des, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Dieweil ich bin in der Welt, bin ich das Licht der Welt. 6 Da er solches gesagt, spützete er auf die Erde und machte einen Kot aus dem Speichel und schmierete den Kot auf des Blinden Augen 7 und sprach zu ihm: Gehe hin zu dem Teich Siloah (das ist verdolmetschet: gesandt) und wasche dich. Da ging er hin und wusch sich und kam sehend. 8 ¶ Die Nachbarn, und die ihn zuvor gesehen hatten, daß er ein Bettler war, sprachen: Ist dieser nicht, der da saß und bettelte? 9 Etliche sprachen: Er ist’s; etliche aber: Er ist ihm ähnlich. Er selbst aber sprach: Ich bin’s. 10 Da sprachen sie zu ihm: Wie sind deine Augen aufgetan? 11 Er antwortete und sprach: Der Mensch, der JEsus heißet, machte einen Kot und schmierete meine Augen und sprach: Gehe hin zu dem Teich Siloah und wasche dich. Ich ging hin und wusch mich und ward sehend. 12 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist derselbige? Er sprach: Ich weiß nicht. 13 ¶ Da führeten sie ihn zu den Pharisäern, der weiland blind war. 14 (Es war aber Sabbat, da JEsus den Kot machte und seine Augen öffnete.) 15 Da fragten sie ihn abermal, auch die Pharisäer, wie er wäre sehend worden. Er aber sprach zu ihnen: Kot legte er mir auf die Augen, und ich wusch mich und bin nun sehend. 16 Da sprachen etliche der Pharisäer: Der Mensch ist nicht von GOtt, dieweil er den Sabbat nicht hält. Die andern aber sprachen: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? Und es ward eine Zwietracht unter ihnen. 17 Sie sprachen wieder zu dem Blinden: Was sagest du von ihm, daß er hat deine Augen aufgetan? Er aber sprach: Er ist ein Prophet. 18 Die Juden glaubten nicht von ihm, daß er blind gewesen und sehend worden wäre, bis daß sie riefen die Eltern des, der sehend war worden, 19 fragten sie und sprachen: Ist das euer Sohn, von welchem ihr saget, er sei blind geboren? Wie ist er denn nun sehend? 20 Seine Eltern antworteten ihnen und sprachen: Wir wissen, daß dieser unser Sohn ist, und daß er blind geboren ist. 21 Wie er aber nun sehend ist, wissen wir nicht; oder wer ihm hat seine Augen aufgetan, wissen wir auch nicht. Er ist alt genug, fraget ihn; lasset ihn selbst für sich reden. 22 Solches sagten seine Eltern; denn sie fürchteten sich vor den Juden. Denn die Juden hatten sich schon vereiniget, so jemand ihn für Christum bekennete, daß derselbe in Bann getan würde. 23 Darum sprachen seine Eltern: Er ist alt genug, fraget ihn. 24 Da riefen sie zum andernmal den Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm: Gib GOtt die Ehre! Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist. 25 Er antwortete und sprach: Ist er ein Sünder, das weiß ich nicht; eines weiß ich wohl, daß ich blind war und bin nun sehend. 26 Da sprachen sie wieder zu ihm: Was tat er dir? Wie tat er deine Augen auf? 27 Er antwortete ihnen: Ich hab’s euch jetzt gesagt; habt ihr’s nicht gehöret? Was wollt ihr’s abermal hören? Wollt ihr auch seine Jünger werden? 28 Da fluchten sie ihm und sprachen: Du bist sein Jünger; wir aber sind Mose’s Jünger. 29 Wir wissen, daß GOtt mit Mose geredet hat; diesen aber wissen wir nicht, von wannen er ist. 30 Der Mensch antwortete und sprach zu ihnen: Das ist ein wunderlich Ding, daß ihr nicht wisset, von wannen er sei; und er hat meine Augen aufgetan! 31 Wir wissen aber, daß GOtt die Sünder nicht höret, sondern so jemand gottesfürchtig ist und tut seinen Willen, den höret er. 32 Von der Welt an ist’s nicht erhöret, daß jemand einem gebornen Blinden die Augen aufgetan habe. 33 Wäre dieser nicht von GOtt, er könnte nichts tun. 34 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren und lehrest uns? Und stießen ihn hinaus. 35 ¶ Es kam vor JEsum, daß sie ihn ausgestoßen hatten. Und da er ihn fand, sprach er zu ihm: Glaubest du an den Sohn GOttes? 36 Er antwortete und sprach: HErr, welcher ist’s, auf daß ich an ihn glaube? 37 JEsus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist’s. 38 Er aber sprach: HErr, ich glaube; und betete ihn an. 39 ¶ Und JEsus sprach: Ich bin zum Gerichte auf diese Welt kommen, auf daß, die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden. 40 Und solches höreten etliche der Pharisäer, die bei ihm waren, und sprachen zu ihm: Sind wir denn auch blind? 41 JEsus sprach zu ihnen: Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; nun ihr aber sprechet: Wir sind sehend, bleibet eure Sünde.

Johannes 9, 1-41

I.       Zwei blinde Männer

Wenn uns plötzlich eine erschreckende oder auch beglückende Tatsache deutlich wird, die schon lange bestand, sagen wir: „Ich muß ja wohl blind gewesen sein.“ Durch einen Umstand oder durch einen Menschen wurden uns die Augen geöffnet und wir sehen, was wir vorher nicht erkannt hatten.

Blindheit in der Bibel ist ein Bild für geistliche Finsternis. Das Wort ist ein Synonym für die Unfähigkeit, Gott und seine Wahrheit zu erkennen.

Ist nun aber unser Evangelium verdeckt, so ist's denen verdeckt, die verloren werden, den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, daß sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes.

2. Korinther 4, 3+4

Der blinde Mann, den Jesus auf seinem Weg traf, sah weder Jesus noch irgend etwas auf dieser Welt. Er lebte seit seiner Geburt in absoluter Dunkelheit. Anders als Bartimäus (Markus 10, 46-52), der Jesus um Erbarmen anschrie, sitzt dieser Mann still da. Wer sollte ihm schon helfen können? Bis zum Ende seiner Tage würde sich an seinem trostlosen Leben nichts ändern. Noch lebten seine Eltern, die ihn sicher nicht verhungern ließen. Aber wirklich helfen konnten sie ihm nicht. Warum brachten sie ihn eigentlich nicht zu Jesus? Man sprach doch schon überall im Land von ihm. So schien sein Leben und seine Zukunft im wahrsten Sinne des Wortes düster. Die damalige Gesellschaft sah sein Leiden als Folge seiner oder seiner Eltern Schuld an. Auch die Jünger reflektierten darüber. Darum fragten sie Jesus, ob er oder seine Eltern gesündigt hätten. Der junge Mann mag selbst schon darüber nachgedacht haben. Aber wenn man nichts ändern kann, findet man sich am besten mit allem ab. Er kann nicht mit dem Psalmdichter sagen:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

Psalm 121, 1 - 4

Jesus lehrte die Jünger beten: „Geschehen soll Dein Wille, wie im Himmel, so auch auf Erden!“ (Matthäus 6, 10) Aber danach dürfen wir auch zu dem aufsehen, von dem alle Hilfe kommt, und dürfen ihn bitten. Martin Luther schreibt über die Bitte für das tägliche Brot:

Alles, was zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört, als: Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und treue Oberherren, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.

Als Johannes nach der Identität Jesu fragte, antwortete dieser:

Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt.

Daran sollte Johannes ihn als den Christus erkennen. Wer sonst konnte das alles tun. Wer sonst hatte ein solches Erbarmen und eine solche Macht.

Das Wort blind ist eng verwandt mit dem baltoslawischen Wort blandüs für unrein, trüb, düster. Der Blick des Johannes war durch seine Gefangenschaft getrübt, so daß er den nicht mehr klar sah, den er selbst verkündigte. Durch Leid und auch durch Schuld kann unser Blick düster werden, und wir erkennen den nicht, der allein unsere Augen klar und sehend machen kann.

Dem jungen Mann, von dem Matthäus berichtet, geht es gut. Sehend und gesund geht er durch diese Welt. Ihm mangelt es scheinbar an nichts. Seine Zukunft ist gesichert. Schon in jungen Jahren hat er ein großes Vermögen. Er wurde gut erzogen und früh in der Schrift unterwiesen. Er kennt die Gebote Gottes von Kind an. Niemand würde bei ihm vermuten, daß er gesündigt hätte. Und er selbst fühlt sich nicht schuldig. Sicher hat er von seinem Geld Armen geholfen. Mag sein, daß der blinde Mann auch schon ein paar Münzen bekommen hatte. Aus Lukas 18, 18 erfahren wir, daß er ein Vorsteher war (griechisch: archoon, wahrscheinlich Vorsteher einer Synagoge). Er hat auch von Jesus gehört und scheut sich nicht, ihn anzusprechen. Er nennt ihn Meister, das soviel wie Lehrer bedeutet, und möchte von ihm einen Rat. Was er wissen will, ist für ihn von äußerster Wichtigkeit.

Wieviele Menschen, die in gesicherten Verhältnissen leben, gebildet sind und sich mit interessanten Menschen und Dingen umgeben können, fragen heute nach dem ewigen Leben?

Diesem jungen Mann ist es nicht genug, sich an seinem Reichtum und Wissen zu erfreuen. Er weiß, daß ihm etwas wichtiges oder das Wichtigste fehlt, nämlich das ewige Leben. Und obwohl er viele gelehrte und bedeutende Menschen kennt, fragt er Jesus. Warum gerade ihn?

Nein, den Messias erkennt der reiche Jüngling in Jesus nicht. Dennoch erwartet er, daß er ihm sagen kann, was er tun muß, um ewiges Leben zu erlangen. Markus berichtet sogar, daß er vor Jesus kniet. In dieser demütigen Haltung begehrt er eine Antwort auf seine dringende Frage. Er gibt sich nicht mit seinem Mangel zufrieden und möchte das haben, was ihm noch fehlt. Er sitzt nicht tatenlos da, wie der Blinde, und er weiß auch den richtigen Mann, der ihm helfen könnte. Ihm stellt er seine Frage. Was könnte er noch Gutes tun, um ewiges Leben zu bekommen?

Könnten wir diesen jungen Mann als blind bezeichnen? Er hat erkannt, was ihm noch fehlt und ist zu dem gegangen, der ihm dazu verhelfen kann. Er will wissen, was er für das ewige Leben tun kann, aber er erkennt nicht den, der die Auferstehung und das Leben ist. (Johannes 11, 25)

Im 43. Psalm heißt es:

Sende dein Licht und deine Wahrheit, daß sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.

Psalm 43, 3

Der Psalmist fragt nicht nach dem, was er Gutes tun kann. Er bittet um Licht und um Wahrheit. Wenn wir in Gottes Licht gestellt werden, erkennen wir Ihn als den heiligen, gerechten Gott, von dem wir aufgrund unserer Werke gerichtet werden. Wir erkennen Jesus als Heiland, der allein uns vom ewigen Tod erlösen und ewiges Leben geben kann. In seinem Licht erkennen wir uns selbst und daß wir aus eigener Kraft uns nicht erlösen können. Nur wem von Gott die düsteren, trüben Augen geöffnet werden, erkennt den, der die Wahrheit, das Licht und das Leben ist. Es ist tragisch, geistlich blind zu sein, aber noch tragischer ist es, blind zu sein und es nicht zu wissen.

Dieser geachtete junge Mensch war blind in seinem Stolz. Er war blind für den Anspruch Gottes. Gottes Anspruch ist:

Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Matthäus 5, 48

Sein Blick auf sich selbst war unrein und getrübt.

Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.

1. Johannes 1, 8

II.       Hören, sehen und handeln

Manchmal bete ich für Menschen, daß Gott sie suchend und fragend macht, weil der Herr verheißt, sich finden zu lassen von denen, die ihn suchen (Matthäus 7, 7). In der Geschichte von der Heilung des Blinden erleben wir, was Gott im 2. Buch Mose sagt:

Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

2. Mose 33, 19b

Es ist müßig, das ergründen zu wollen. Wir können nur Zuflucht zu der un­ergründlichen Barmherzigkeit Gottes nehmen und beten: „Gott sei mir Sünder gnädig.“ Dann werden wir erfahren, daß er sich unser erbarmt, und seinen Sohn für uns in den Tod gegeben hat, damit wir das Leben haben.

Mit einer für uns völlig unverständlichen Handlung kümmert sich Jesus um den Blindgeborenen, der ihn nicht gesucht und ihn um nichts gebeten hatte. Mit einem Gemisch von Speichel und Erde bestreicht Jesus die Augen des Mannes. So wie der erste Mensch von Gott aus Erde vom Acker geschaffen wurde, so benutzt Jesus hier Erde, um neue Augen zu schaffen. Nachdem Jesus diese Be­handlung vorgenommen und dem Blinden einen Auftrag gegeben hat, handelt dieser unverzüglich. Wir wissen nicht, wie er zu diesem Teich gekommen ist. Wir wissen auch nicht, ob er einfach die klebrige Erde von den Augen los sein wollte, oder ob die Hoffnung ihn trieb, seinen Augenlicht wiederzubekommen. Auf jeden Fall tat er, was ihm geheißen. Manchem läßt die Autorität Jesu innerlich keine Wahl. „Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen“, sagte Petrus, obwohl er kaum an einen guten Fischfang glaubte. (Lukas 5, 5) Aber er warf die Netze aus, weil Jesus es gesagt hatte. In dem Gleichnis von den un­gleichen Söhnen wird berichtet, daß der Vater ihnen den Auftrag gab, im Wein­berg zu arbeiten. Der eine lehnte es ab, der andere sagte: „Ja, Herr“ und ging nicht. Der erste bereute seine Ablehnung und ging. Damit tat er den Willen des Vaters und nicht der Sohn, der bekundete, er würde ihn tun. Den Willen des Vaters zu tun ist die Voraussetzung, um ins Reich Gottes zu kommen, sagt Jesus dann den umstehenden Juden (Matthäus 21).

Wie viele haben in ihrem Leben einmal „ja“ gesagt, „ja, Herr Jesus, du sollst mein Herr sein“, „ja, bitte komme in mein Leben“, oder so ähnlich. Aber sie sind nicht bereit, in ihrem täglichen Leben zu gehorchen. Manches erscheint ihnen zu schwer, manches zu simpel oder zu unbedeutend. Einiges in der Schrift scheint nicht mehr für unsere Zeit zu gelten, also muß man es auch nicht mehr tun. Bei vielen Dingen fragt man lieber nach der Meinung der anderen, als nach der Forderung des Herrn.

Was hätten wohl die Menschen zu dem Blinden gesagt, wenn er sie nach ihrer Meinung in dieser Angelegenheit gefragt hätte? Mit Speichel verrührte Erde und das Waschen im Teich Schiloach soll blinde Augen sehend machen? Nach­dem er wieder sehen kann, wollen die Pharisäer und das umstehende Volk es nicht glauben, was sie sehen und hören. Sie suchen nach Erklärungen, fragen, ob er denn wirklich blind war. Der Ungläubige wird durch das Miterleben eines Wunders niemals gläubig.

Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! In das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.

Matth 7, 21

Denn das ist der Wille meines Vaters, daß, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.

Johannes 6, 40

Wer sagt: „Ich glaube an Jesus Christus, aber mein Leben bestimme ich selbst“, ist noch blind für das Evangelium.

Die erste Aufgabe in der Nachfolge Jesu, die der Blinde zu erfüllen hatte, war noch nicht schwer. Er hatte ja nichts zu verlieren.

Der wohlhabende junge Mann hatte sehr viel zu verlieren, und zwar das, woran er mit ganzem Herzen hing. Wenn heute so ein netter junger Mann mit diesem Anliegen zu einem Pastor käme, er würde ihn sicher mit offenen Armen aufnehmen. So einen gebildeten, wohlerzogenen, vermögenden jungen Mann, der sich auszudrücken wußte und bereit war, etwas Gutes zu tun, trifft man nicht alle Tage. Welche Gemeinde ließe so einen Menschen wieder gehen? Für die Frage nach dem ewigen Leben hätte man schon eine akzeptable Antwort.

Mit guten Voraussetzungen kommt der Jüngling zu Jesus. Er hat erkannt, was ihm fehlt, er sucht mit aufrichtigem Herzen, er stellt seine Frage dem, der ihm die rechte Antwort geben kann. Aber die Antwort hat er nicht erwartet. Jesus fordert ihn auf, die Gebote zu halten. Er nennt ihm dabei nur Gebote, in denen es um das mitmenschliche Verhältnis geht, und nicht um den Anspruch und die Ehre Gottes. Diese Bedingung meint er erfüllt zu haben, und fragt weiter. Nun erhält er als Antwort die Aufforderung, der er nicht Folge leisten kann und will. Nein, alles herzugeben, ohne jede Sicherheit sich nur Jesus anzuvertrauen, das erscheint ihm unmöglich.

Wir können stundenlang über den Glauben diskutieren, wir können gute Predigten hören und Auslegungen lesen, wir können im Gebet nach Gottes Willen fragen. Es ist alles vergeblich, wenn wir ihn nicht tun. Etwas Geld, etwas Zeit, ein wenig Liebe und Mitmenschlichkeit wird manch einer bereit sein, zu geben. Teilbereiche des Lebens für den Glauben zu reservieren, empfinden viele sogar als Bereicherung. Aber das ganze Leben unter die Herrschaft Jesu zu stellen, erscheint ihnen nicht zumutbar. Darum wird es abgelehnt.

III.       Das Wunder des Glaubens

Heute wird Menschen, die von ihrer Schuldlosigkeit überzeugt sind, die Gnade Gottes gepredigt. Doch Gnade kann man nicht begreifen, wenn man nichts von der eigenen Schuld, nichts von der göttlichen Forderung nach Gerechtigkeit weiß. Vielfach habe ich gehört: „Das mit der Schulderkenntnis und der Buße das kommt dann noch. Wichtig ist, daß man erst einmal an Jesus glaubt.“ Aber glaubt ein Mensch an Jesus im Sinne der Bibel, wenn er noch nicht erkannt hat, daß er mit all seinen „guten Werken“ dem Zorn Gottes ausgeliefert ist? Und auch das Hören und Glauben von biblischen Tatsachen hat noch niemanden errettet. In gewissen christlichen Kreisen steht das Wunder hoch im Kurs, wenn es um Glauben und Bekehrung geht. Auf den ersten Blick scheint es so, als wenn der Blinde durch das Wunder der Heilung ein Nachfolger Jesu wurde. Paulus sagt, daß Gottes Güte uns zum Umdenken treiben will (Römer 2, 4). Aber denken wir an die zehn Aussätzigen, nur einer von ihnen kehrte um. (Lukas 17, 15)

Warum jemand, der jahrzehntelang taub und blind für das Evangelium war, plötzlich zu Jesus findet, ist das Geheimnis seiner göttlichen Gnade. Als Petrus das große Bekenntnis abgab: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“, da sagte Jesus: „Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ (Matthäus 16 + 17)

Der reiche Jüngling war geistlich blind und merkte es nicht. Jesus wollte ihm die Augen öffnen für seine Schuld, aber er erkannte sie nicht. Er wollte ihm die Augen öffnen für seine Selbstgerechtigkeit und seinen Stolz, er aber sah nur seine Gesetzeserfüllung. Ihm sollten die Augen geöffnet werden für das, was ihn festhielt, aber er wollte es nicht loslassen. Er fühlte sich gesund und sah nicht seine Krankheit. Jesus sagt:

Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.

Lukas 5, 31 + 32

Die Gesunden sind nicht wirklich gesund, sondern sie erkennen ihre Krankheit nur nicht und darum auch nicht den, der sie heilen kann. Die Gerechten sind nicht gerecht vor Gott, sie halten sich nur dafür.

David singt in dem „Hohenlied der Barmherzigkeit“:

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.

Psalm 103, 2 – 4

In diesen Lobpreis konnte der Blinde nach seiner Heilung einstimmen. Er ließ sich von Jesus die Augen öffnen. Er sah nicht nur das Licht der Sonne, sondern er erkannte das ewige Licht, das in die Finsternis scheint, und auch seine Finsternis hell gemacht hatte. Er sah jetzt nicht nur die Welt um ihn herum und ihre Schönheit, sondern er erkannte auch die böse Art der Welt. Er sah den Juden und den Pharisäern mutig ins Gesicht und wußte auf ihre Fragen und Anklagen zu antworten.

Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, daß durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

2. Korinther 4, 6

Welche Freude wird das für den jungen Mann gewesen sein, das erste Mal in das Gesicht seiner Eltern sehen zu können. Aber welch unermeßliches Glück war es, daß er die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu erkennen durfte. Durch die geistlich geöffneten Augen konnte er sich auch selbst erkennen und fand auf die ihm erwiesene Gnade nur eine Antwort: Er sank auf die Knie und betete Christus an.

MacArthur schreibt in „Lampen ohne Öl“:

Das Ergebnis geistlichen Sehvermögens ist ein ergebenes und anbetendes Herz. Das Ergebnis geistlicher Blindheit ist Sünde und danach unausweichlich die Verdammnis. Bloße Lehre hilft nicht gegen geistliche Blindheit; mit Licht allein kann man sie nicht heilen. Die einzige Hoffnung für solche, die geistlich blind sind, besteht in einem Wunder Gottes, das die Augen öffnet. Und genau das ist es, was Gott durch Seinen Geist bei der Errettung tut.

Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64, 3): ‚Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.’

1. Korinther 2, 7 – 9

Himmlischer Vater,

Dein Wort ist unseres Fuße Leuchte und ein Licht auf unseren Wegen. Wo nicht Dein Licht uns leitet, verirren wir uns in der Finsternis der Welt. Wenn wir nicht durch deine Wahrheit erleuchtet werden, gehen wir auf Wegen, die ins Verderben führen. Herr Jesus, wir erschrecken, wenn wir von dem reichen Jüngling hören. Laß diese Furcht dazu dienen, Dein Wort ernst zu nehmen. Wir freuen uns über Deine Barmherzigkeit, wenn wir Dein Handeln an dem Blinden sehen. Laß diese Freude unsere Liebe zu Dir größer machen. Erbarme dich unserer Blindheit, und laß noch vielen die Augen geöffnet werden für Dein Licht und Deine Wahrheit.

Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis verhüllet wo nicht Deines Geistes Hand uns mit hellem Licht erfüllet. Gutes denken, tun und dichten mußt Du selbst ins uns verrichten.

Amen

Fußnoten

John MacArthur