Ingrid Puschinski - www.puschinski.net

Er war versucht wie wir

In dem Spielfilm von 1955 „Teufel in Seide“ begeht eine Frau Selbstmord. Ihr Mann fühlt sich an ihrem Tod schuldig. Eine Freundin will ihn trösten, ihm seine Schuld ausreden und sagt: „Du hast sie doch nicht umgebracht.“ Er bekennt, daß er es hätte tun können. Daraufhin meint sie: „Dann wäre die Welt voller Mörder, wenn es alle wären, die es tun könnten.“

Francis Thompson sagt:

Das große Babylon ist nur ein Scherz, will es im Ernst so groß und maßlos sein wie unser babylonisch Herz.

Es ist das „babylonische“ Herz, aus dem die bösen Gedanken kommen. Es läßt sich in Versuchung führen. Aus den Gedanken erwächst dann die Tat. Der Volksmund sagt kurz und richtig: „Gelegenheit macht Diebe“. Das zeigt die Bibel bei der Versuchung von Adam und Eva. Dennoch war es nicht die Frucht, die gefährlich war; nicht die Frucht hat den Sündenfall verschuldet. Schuld war der Ungehorsam dieser beider Menschen, das Mißtrauen ihrem Schöpfer gegenüber und die Gier nach Ebenbürtigkeit mit Gott. Nicht die Schlange und nicht die Frucht waren Urheber dieser Sünde gegen Gott. Die Gefahr kam nicht von außen, sondern der Mensch selbst wurde sich gefährlich.

Wir können in die menschenleere Wüste gehen, wo wir nur Sand und Steine sehen. Wir können die Einsamkeit in einer Klosterzelle suchen, damit Eindrücke von außen uns nicht verführen können; unsere Gedanken, Gefühle, Wünsche und Begierden nehmen wir überall hin mit. Darum hat der Versucher auch hier eine Chance und nicht nur dort, wo die Reize von außen uns locken und verführen.

Helmut Thielicke schreibt in seinem Buch „Zwischen Gott und Satan“:

Hier erkennen wir das Geheimnis der Versuchung: Der Versucher thront im Herzen selbst und erregt uns zu Diebstahl und Mord. Und die Gelegenheit, die Diebe macht, all das, was von außen kommt, das sind nur Hilfstruppen und Verstärkungsmanöver für seine Macht – aber nicht diese Macht selbst.

An Jesus tritt in der Wüste der Versucher von außen an ihn heran. Obwohl Jesus auf Erden auch ganz Mensch war, hatte er ein Herz, das mit Gott im Einklang lebte. Und doch versuchte ihn der Teufel.

Im Brief an die Hebräer lesen wir:

Daher mußte er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes. Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.

Hebräer 2 ,17 + 18

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem, wie wir, doch ohne Sünde.

Hebräer 4, 15

Nicht allein in der Krippe und am Kreuz hat Jesus sich zu uns tief herabgebeugt, sondern auch hier bei der Versuchung des Teufels.

Noch einmal Helmut Thielicke:

Wer ich bin, wer wir Menschen sind, das wird uns daran klargemacht, daß Jesus unser Leben an seinem tiefsten Punkte durchleben, daß er versucht werden muß so wie wir. Auch hier erfahren wir, wer wir sind: an der Größe dessen, was Jesus für uns aufgewendet und gelitten hat, indem er an unsere Stelle tritt.

Die Wüste ist unsere Welt; der Versucher ist unser Versucher; die vierzig Tage und Nächte – die sind unsere Zeit; und Jesus--: der sind wir, denn er steht hier an unserer Stelle. Wer sind wir also, o Gott, wer sind wir?

I.       Hunger nach Brot und Leben

Auch wer einmal gefastet hat, wird kaum jemals den Hunger verspürt haben, den Jesus nach vierzig Tagen des Fastens spürte. Die meisten von uns kennen Hunger nur vom Hörensagen. Menschen, die die Nachkriegszeit miterlebt haben, wissen noch wie es war, hungrig zu sein.

Nach den Vorschriften des religiösen Fastens durfte man nur am Tage weder Speisen und Getränke zu sich nehmen, in der Nacht hingegen war essen und trinken erlaubt. Wenn Matthäus schreibt, daß Jesus vierzig Tage und Nächte gefastet hatte, bedeutet das völlige Enthaltung von Nahrung. Jesus war während seiner Erdenzeit auch ganz Mensch. Er empfand Hunger und Durst, Schmerz und Wohlgefühl, Kälte und Hitze, Freude und Trauer, Müdigkeit und Frische, Genuß und Ekel.

Wenn wir ehrlich unser Leben betrachten, machen all diese menschlichen Dinge doch den größten Teil unseres Lebens aus und sind uns überaus wichtig. Worum drehen sich denn die meisten Gespräche in den Familien oder mit Freunden, Kollegen und Bekannten? Die ernsten Gespräche über den Sinn des Lebens werden selten geführt. Die tiefen Gedanken, die über den Horizont unseres kleinen Lebens gehen, sind besonderen Stunden vorbehalten. Unsere ganz alltäglichen Verrichtungen, Interessen, Mühen und Bedürfnisse sind es, die unser Leben so in Beschlag nehmen, daß wir dort am versuchtlichsten sind. Die Gedanken sind mit unserem Hunger beschäftigt und wie wir ihn stillen können. Wir kennen die Zusage Jesu, daß der Vater weiß, daß wir all dessen bedürfen, dennoch sorgen wir uns darum. Trotz zunehmender Not auch in unserem Land müssen die meisten Menschen bekennen, daß ihnen die Mittel zum Leben – Nahrung, Wasser, Kleidung, Wohnung, Hausrat und dazu noch viele Annehmlichkeiten – in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.

In einem Gemeindeblatt las ich einen kleinen Artikel einer jungen Frau, die über den finanziellen Engpaß in ihrer Familie berichtete. Es schien nicht mehr alles zur Verfügung zu sein, was sie meinten zu brauchen. So war es für sie und ihren Mann eine Anfechtung, andere Ehepaare zu sehen, die es sich leisten konnten, essen zu gehen. Auch wenn ich denke, daß diese Angelegenheit statt in der Gemeindezeitung in einem seelsorgerlichen Gespräch besser untergebracht wäre, so sehen wir doch, wo die Angriffspunkte des Versuchers sind. Er weiß genau, wo er uns packen kann. Es sind ja meist nicht die großen Glaubensfragen bei denen er uns versuchen und zu Fall bringen kann, sondern die vielen kleinen Dinge unseres Alltag. Und manch einer weiß von leidvollen Erfahrungen zu berichten, von Zeiten in seinem Leben, in denen er wirklichen oder scheinbaren Mangel hatte.

Wirf dein Anliegen auf den Herrn; der wird dich versorgen und wird den Gerechten in Ewigkeit nicht wanken lassen.

Psalm 55, 23

Diese Zusage gilt, auf sie kann sich jeder verlassen, der durch das Blut Jesu gerecht geworden ist. Aber solange wir hier auf Erden sind, kann auch ein Kind Gottes Hunger leiden, Haus und Hof verlieren oder krank werden.

Jesus hatte nach vierzig Tagen und Nächten Hunger. Gott hatte ihn nicht, wie die Israeliten, mit Manna versorgt. Der Geist, das heißt Gott selbst, hatte ihn in die Wüste geführt, und Jesus ließ sich in Gehorsam führen. Zu all dem Leid, das er hier auf Erden zu erdulden hatte, mußte er jetzt auch noch hungern. Er, der aus der Herrlichkeit des Vaters kam, verbrachte lange Tage und Nächte in der menschenfeindlichen Wüste und hatte nicht einmal satt zu essen.

Meine Mutter hat im Krieg erlebt, daß hungrige Menschen zu furchtbaren Dingen fähig sind. Und jeder kennt die Bilder im Fernsehen, wenn in Hungergebieten Nahrungsmittel verteilt werden. Da gibt es wenig Rücksichtnahme auf Schwächere, da sucht jeder nur zu nehmen, was er nehmen kann.

Wenn der Hunger uns überkommt und wir Verlangen haben, satt zu werden, dann ist das die Stunde des Versuchers. Seine Taktik ist im wahrsten Sinne des Wortes teuflisch. Er zeigt sich nicht immer in seiner häßlichen Gestalt, sondern er gibt sich fromm. Er kennt das Wort Gottes und wendet es an. Daß Jesus Gottes Sohn ist, weiß er nur zu gut, und daß dem Sohn Gottes nichts unmöglich ist, das weiß er auch. Die eigenartige Formulierung seiner Aufforderung, aus Steinen Brot zu machen, ist gleichzeitig eine Infragestellung und eine Aufforderung für Jesus, seine Macht zu beweisen.

Jesus geht auf diese Taktik nicht ein und antwortet ihm kurz und deutlich mit einem Gotteswort aus dem 5. Buch Mose: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“

Nachdem Gott den Israeliten die Gebote gegeben hatte, sagte er zu ihnen:

Und gedenke des ganzen Weges, den dich der Herr, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, auf daß er dich demütigte und versuchte, damit kund würde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht. Er demütigte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, auf daß er dir kundtäte, daß der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des Herrn geht.

5. Mose 2 + 3

Der Teufel kennt Gottes Wort sehr gut, besser als manch ein Christ. Aber er kennt es nur mit dem Kopf, nicht mit seinem Herzen. Er kann es zitieren, aber er will es nicht anerkennen und sich nicht darunter beugen und demütigen. Es dauerte ihn nicht, daß Jesus Hunger hatte. Er wollte nur Macht über ihn gewinnen. Wenn Jesus aus den Steinen Brot gemacht hätte, wäre das für ihn ein großer Triumph gewesen. Der Sohn Gottes, - Gott selbst - hätte getan, wie der Teufel ihm geheißen, und er hätte Macht über ihn gehabt.

Wir müssen acht geben, wer und mit welchen Motiven uns jemand ein Wort aus der Schrift sagt. Sicher wird uns kaum jemand auffordern, Steine zu Brot zu machen. Aber in Zeiten des Hungers - der physischen oder psychischen Not - mag unser Beurteilungsvermögen geschwächt sein. Da kommt jemand und sagt: „Bist Du nicht ein Gotteskind, warum geht es Dir denn so schlecht? Gott kann das nicht wollen. Er will, daß es Dir gut geht und Du das volle Leben hast und nicht Mangel leidest. Nimm, was Dir zusteht.“ Wieviele Christen sind schon in diese Versuchung gekommen und ihr erlegen.

Aber manchmal kommt er auch noch frommer daher. „Du bittest Gott jetzt schon so lange, und er gibt Dir nicht das Brot, das Du brauchst. Darum muß Du ihm seine Verheißungen vorhalten, Du mußt zu dieser Veranstaltung mit diesem bestimmten Verkündiger fahren, dann wird eintreffen, was Du wünscht.“

Wie wichtig ist es, daß wir Gottes Wort kennen, ihm vertrauen um es dann dem Verführer entgegen halten zu können.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.

Matthäus 4, 4

Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft kommt in den Schwachen zur Vollendung.

2. Korinther 12, 9

Darum laßt uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Hebräer 4, 16

Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesu, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.

1. Petrus 5, 10

II.       Das Wort Gottes im Zwielicht

Noch vor zwanzig Jahren war es eher selten, daß man im Umgang mit Menschen ein Wort aus der Schrift hörte. Heute scheint die Bibel „volkstümlich“ zu werden. Immer häufiger wird aus der Bibel zitiert. Im Dezember wird die sogenannte Volxbibel auf den Markt kommen. Jemand schrieb darüber im Internet: „Ich finde die erste Fassung hat es echt in sich. Ein Effekt, der mir immer klarer wird ist, daß man durch die Volxbibel in den Genuß kommt, einfach mal einen Brief oder Evangelium vor dem schlafen gehen lesen zu können. Es ließt sich einfach total leicht und locker.“

Das Wort Gottes ist alles andere als leicht und locker, sondern „lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist und ist ein Richter der Gedanken.“ (Hebräer 4, 12).

Bei der zweiten Versuchung zitiert der Teufel einen wunderbaren Vers aus dem 91. Psalm. Er gehört zum vierten Buch der Psalme, das die Wüstenwanderung des Volkes Israel behandelt (siehe „Zwei Wege, zwei Ziele“ vom 17. März 2005). Das Leben des Menschen gleicht einer Wanderung durch die Wildnis und durch Wüsten. Bei dieser Wanderung und in seiner Vergänglichkeit sucht er Zuflucht bei dem lebendigen Gott.

Im 90. Psalm schreibt Mose von der Zuflucht, die er bei dem ewigen Gott hat. Ausleger nehmen an, daß auch der 91. Psalm von Mose geschrieben wurde. Dort ist die Rede von dem Grauen der Nacht, von den Pfeilen, die des Tages fliegen, von der Pest und der Seuche. In den vierzig Jahren der Wüstenwanderung haben die Israeliten alle Unbillen des Lebens erfahren. Die Menschen, die sich voller Hoffnung auf den Weg gemacht hatten, starben und durften das Ziel nicht erreichen. Aber wieviel Hilfe und Bewahrung durften sie auch erleben, wie nah war Gott ihnen trotz ihres Ungehorsams und ihrer Rebellion gewesen. Die Wolke am Tag und der Feuerschein in der Nacht waren sichtbare Zeichen seiner Gegenwart.

Aus diesem Psalm zitiert der Teufel: „Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“

Vor Jahren las ich eine Geschichte von zwei Freunden, die sich nach langer Zeit wieder trafen. Der eine von ihnen war Schauspieler und rezitierte den 23. Psalm. Sein Freund sagte ihm anschließend, er habe noch nie diesen Psalm so wunderbar vorgetragen gehört. Darauf entgegnete ihm der Schauspieler: „Ja, ich kenne den Psalm gut, aber Du kennst den guten Hirten.“

Es geht nicht darum, die Bibel gut zu kennen, sie bei allen Gelegenheiten zu zitieren. Es geht darum, den Herrn der Schrift als Herr und Schöpfer dieser Welt anzuerkennen, sich ihm zu unterwerfen, ihn zu lieben und zu ehren. Es geht nicht darum, zu glauben, daß es einen fernen und allmächtigen Gott gibt. Es geht darum, sich seiner göttlichen Allmacht mit seinem ganzen Leben und Denken zu unterstellen. Das gerade tut der Teufel nicht. Das kann er nicht, denn er ist der Gegenspieler Gottes. Aber als solcher gibt er sich nicht immer deutlich zu erkennen. Wer Gottes Wort gebraucht, ohne es anzuerkennen und ohne sich unter dieses Wort zu stellen, mißbraucht es.

Helmut Thielicke schreibt dazu:

Und ist es nicht immer schon so gewesen, daß die Häretiker und Irrlehrer und Dämonen mit Hilfe jenes Wortes, und gerade nicht mit Hilfe dröhnender antichristlicher Parolen in die Kirche eingeschlichen sind?

So gebraucht dieser Affe Gottes immer dieselben Listen und wechselt nur die Gestalt, in der er uns begegnet. Einmal kommt er als Pfaffe mit geölter, verführerischer Stimme, einmal in heldischer Pose sich setzend, einmal gereckt und imponierend wie das Standbild eines Reformators und eines religiösen Befreiers: Wie demütig weiß er 'Herr, Herr!' zu sagen; wie erleuchtend klingen seine Wort: 'Siehe, hier, siehe, da ist Christus!'; wie befreiend seine Bibelzitate; wie schmalzig klingt sein Harmonium oder wie donnernd seine kultische Riesenorgel!

Diese Sätze schrieb Helmut Thielicke 1938. Durch die Medien, die uns heute nach fast 70 Jahren zur Verfügung stehen, wissen wir, daß diese Art der Verführung weltweit geschieht. Viele Christen waren erschüttert, über die Christenverfolgung in der damaligen Sowjetunion. Sie befürchteten, daß in diesen Ländern, in denen von Staats wegen der christliche Glaube verboten war, das Christentum gänzlich verschwinden würde. Heute können wir sehen, wie diese Tat des Teufels wenig hat ausrichten können. Der Glaube an Jesus Christus konnte aus diesen Ländern nicht verbannt werden, vielmehr wuchsen Gemeinden und Kinder Gottes wurden während der Verfolgung gestärkt, und es kamen viele hinzu. Auch Menschen, die zu den Verfolgern gehörten, wurden von der Botschaft des Evangeliums ergriffen, erkannten ihre Schuld, kehrten um zu dem lebendigen Gott und wurden errettet.

Die Taktik, die der Teufel dort ausübt, wo es alle Freiheit gibt, den Glauben zu bekennen, erscheint mir noch gefährlicher. Er weiß, daß Gott groß und allmächtig ist. Wir vergessen es manchmal. Er hält uns unseren Kleinglauben vor, in dem er uns auffordert Dinge zu tun, bei denen Gott uns schon bewahren wird. In Wirklichkeit will er unseren Tod.

Jesus gibt dem Teufel keine Demonstration der Macht Gottes. Sein Vater hat ihn nicht geheißen, von den Zinnen zu springen. Was wäre geschehen, wenn Jesus der Aufforderung des Teufels Folge geleistet hätte? Selbstverständlich hätte der Vater ihn bewahrt. Aber wir merken, daß diese Frage eigentlich nicht zu stellen ist. Jesus lebte in absolutem Gehorsam und im Einklang mit seinem Vater. Wie konnte er da ohne Willen seines Vaters dessen Handeln herausfordern. Gott demonstriert seine Macht wie und wann er es will. Er hat seinen Sohn bewahrt vor dem blutrünstigen Herodes, vor den Juden, die schon die Steine aufhoben. Er sandte ihm einen Engel im Garten Gethsemane, der ihn stärkte. - Am Kreuz hing Jesus von Gott verlassen. Dort aber ist die Macht Gottes zu sehen, dort wo der Teufel und der Tod besiegt wurden.

Dieser Ort der Macht Gottes scheint uns nicht attraktiv genug, um ihn anderen Menschen zu zeigen. Der Ort der Macht Gottes müßte ganz anders aussehen, als ein Holzkreuz, an dem einer hängt. Könnten wir doch unseren Mitmenschen etwas großartiges vorführen von dem Gott, nach dem wir uns nennen. Wir wollten uns nicht gerade von einem Turm stürzen und dann von Gottes Engeln bewahrt werden, um den Menschen einmal zu zeigen, zu welch einem machtvollen Gott wir gehören. Aber hätten wir nicht allzugerne eine sichtbare außergewöhnliche Bewahrung, eine Demonstration seiner Macht an uns, damit endlich die Welt um uns herum sieht, wie großartig der Gott ist, an den wir glauben.

Es gibt nicht nur weltliche, sondern auch fromm scheinende Abgründe, in die wir uns fallen lassen können. Ausgerechnet die Zinnen des Tempels sucht sich der Teufel aus, um Jesus aufzufordern, ihm zu gehorchen. Er scheut sich ganz offensichtlich nicht, Stätten der Anbetung aufzusuchen. Das müssen wir wissen. Wir können dem Versucher widerstehen mit dem lebendigen Wort Gottes, mit Christus selbst, der nicht nur mitleidet mit uns, sondern uns auch hilft.

III.       Nur einem gebührt die Ehre

Bei der dritten Versuchung nun zeigt der Teufel, worauf es ihm ankommt. Er zeigt Jesus die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit – in der Welt gibt es viele prächtige Dinge zu sehen – und alles will er Jesus zu Füßen legen. Daran ist allerdings die Bedingung geknüpft, daß Jesus sich dem Teufel zu Füßen legt. Ist das nicht ein total absurdes Angebot? Dem Schöpfer Himmels und der Erden wird sein Eigentum angeboten. Ihm, dem alle Macht gehört im Himmel und auf Erden, soll etwas in Besitz nehmen, daß ihm gehört. Aber es ist seltsam, daß Jesus dem Teufel das gerade nicht sagt. Ihm, dem Fürsten der Welt, ist Macht von Gott eingeräumt. Mit dieser Macht will er den Sohn Gottes daran hindern, daß er den Weg des Leides und des Kreuzes geht. „Sieh mal“, sagt er „das kannst Du alles viel einfacher und viel billiger haben. Die Leute werden Dir zujubeln, Du wirst ihnen imponieren, sie werden Dir zu Ehren Kirchen und Dome bauen, sie werden sich nach Dir nennen und alle Welt wird Deinen Namen tragen und nicht nur ein kleines unscheinbares Häufchen.“

Jesus sah auf dem hohen Berg alle Herrlichkeit der Erde. Und im Geiste sah er sicher auch alle Prachtentfaltung, die man mit seinem Namen machen würde, für ihn, der in aller Niedrigkeit auf die Erde kam und „nicht wußte, wo er sein Haupt hinlegen“ konnte. Er sah auch das Kreuz, an dem er schmachvoll für die Menschen sterben sollte. Diesen Weg zum Kreuz wollte er gehen, den Weg der Niedrigkeit und Wehrlosigkeit und nicht den Weg der Macht. Der Teufel hatte sein teuflisches Spiel verloren.

Jesus wußte, daß es für ihn nur den einen Weg zur Verherrlichung des Vaters und zur Erlösung von Menschen geben würde, den Weg der Erniedrigung und den Weg ans Kreuz. Darum weist er den Teufel scharf ab. „Hebe dich weg von mir Satan, denn es steht geschrieben: Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen.“

Aber was dem Teufel bei unserem Herrn nicht gelang und nicht gelingen konnte, daß versucht er bei seinen Nachfolgern. Alles, was scheinbar so einfach von ihm zu haben ist, hat immer die Bedingung: „..so du niederfällst und mich anbetest.“ Alles, was aus der Hand des Fürsten dieser Welt kommt, ist an diese Bedingung geknüpft. Jedes Gotteskind muß das wissen. So verlockend auch manche Angebote sein mögen, sie sind nur zu diesem Preis zu haben.

Helmut Thielicke schreibt, daß der Teufel ein höllisches Rezept hat:

Man muß nichts anderes tun, als den Gottes- und Menschensöhnen, den Kirchen und Christentümern Gelegenheit geben, zu übersehen und zu überhören, daß sie im status confessionis sind, man muß alles, was damit zu tun hat, in die Neben- und Nachsätze und zwischen die Zeilen drängen und sie dann nachher damit überraschen, daß sie sich – mir überschrieben haben.

(status confessionis drückt eine Lage, einen Zustand aus, in dem man bekennen, 'Farbe bekennen' muß.)

Niemand kann zu Jesus gehören, der ihn nicht auch bekennt. Und wer ihn bekennt, tut das nicht nur mit dem Mund, sondern das Bekenntnis drückt sich auch in seinem Leben aus. Wie kann er nach Ansehen, Ehre und Macht streben, die ihm der Fürst der Welt vor Augen hält, wenn sein Herr den Weg der Machtlosigkeit und Niedrigkeit gewählt hat. Durch diesen Weg hat er uns den Weg zu Gott geöffnet, das ist das Geheimnis von Gottes Wehrlosigkeit.

Noch einmal Helmut Thielicke:

Und wenn dies Geheimnis umschrieben werden soll, dann ist es nur möglich mit einem neuen Geheimnis: mit dem geheimen Wort 'Gnade'. Es ist Gnade, daß Gott, der ferne Gott, zum Menschen kommt, sich ihm hingibt, und damit das Preisgegebensein an ihn erträgt. Gott ist im menschgewordenen Wort, ist in Christus offenbar, leibhaftig da. Das ist Gnade. Aber daß er uns in dieser Verhüllung offenbar und nicht mit Bettlern und Religionsstiftern verwechselt wird, wie unsere blöden, gehaltenen Augen es möchten, daß ist wiederum Gnade.

Und Luther wußte und bezeugte:

Gottes Gnade ist Wehrlosigkeit und nicht Macht; sie ist Kreuz und nicht Glorie; sie ist leiser Wind und nicht Erdbeben oder Feuer, sie ist zu glauben und nicht zu schauen, sie ist Geschenk des Geistes und nicht offene Demonstration.

Wer sich nicht an dieser Gnade genügen lassen will, wer sich der Niedrigkeit des Kreuzes schämt, bei dem hat der Widersacher leichtes Spiel. Nur wer auf diesem status confessionis steht, den locken nicht seine Angebote und er kann ihm widerstehen: „Geh von mir Satan, ich gehöre allein meinem Herrn.“

Himmlischer Vater,

wir wollen bedenken, was Du hast aufwenden müssen, um uns zu erlösen. Mit Deinem Leiden und Sterben, Herr Jesus, hast Du uns nicht nur erlöst von der Schuld unserer begangenen Taten, sondern willst uns erlösen von unserem „babylonischen“ Herzen und uns ein festes Herz geben. Mit Disziplin, Moral und Willensstärke können wir uns allenfalls von mancher bösen Tat zurückhalten. Aber unser Herz bleibt ein trotzig und verstocktes Ding, das nur Du verändern kannst; und wir bitten Dich, daß Du es veränderst. Hilf Du uns, daß wir in der Versuchung nicht fallen. Danke, daß Deine Kraft in den Schwachen zur Vollendung kommt.

Amen

Fußnoten

Helmut Thielicke

Francis Thompson

Martin Luther